Hirnabszesse sind fokale Infektionen, die durch eine Ansammlung von Eiter im Gehirngewebe gekennzeichnet sind. Opportunistische Krankheitserreger, die Teil der Hautflora sind, können infolge eines Schädel-Hirn-Traumas oder eines neurochirurgischen Eingriffs Zugang zum Gehirn erhalten und dort einen Hirnabszess verursachen. Zu den häufigen Erregern zählen Arten der Gattungen Klebsiella, Salmonella und Clostridium. Auch Zahninfektionen können eine Ursache sein. Dabei gehören Prevotella spp., Bacteroides spp. und Fusobacterium spp. zu den Mikroorganismen, die bei Patienten mit Hirnabszessen am häufigsten isoliert werden [1]. Die meisten Hirn- und odontogenen Infektionen sind polymikrobiell. Daher ist die Isolierung jedes vorhandenen Bakterienstamms entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung und Genesung [3]. Leider besteht bei einigen Patienten eine Veranlagung für Hirnabszesse. Die hereditäre hämorrhagische Teleangiektasie (HHT) ist eine genetische Erkrankung, die durch die abnormale Bildung erweiterter Blutgefäße und arteriovenöser Malformationen in Organen wie Lunge, Leber und Gehirn gekennzeichnet ist. Bei mehr als 20 % der HHT-Patienten treten pulmonale arteriovenöse Malformationen auf, die wiederum eine Prädisposition für neurologische Erkrankungen wie Hirnabszesse darstellen [2].
Anfang dieses Jahres wurde ein Bericht veröffentlicht, in dem eine Fallstudie zu einem HHT-Patienten mit einem odontogenen Hirnabszess beschrieben wurde. Bei dem Patienten handelte es sich um einen 59-jährigen Mann mit HHT, der zweimal einen Hirnabszess entwickelte – leider verlief der zweite Fall tödlich. Im Jahr 2012 wurde erstmals über die erfolgreiche Behandlung eines Hirnabszesses mittels neurochirurgischem Eingriff und Antibiotika berichtet. Als bakterieller Erreger dieses Abszesses wurde das Anaerobier Fusobacterium nucleatum identifiziert, ein häufig vorkommender Kommensale der menschlichen Mundhöhle [2]. Es wurde vermutet, dass eine schlechte Zahngesundheit die Ursache für diesen Hirnabszess war [2], Dies erscheint nachvollziehbar, da eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 zu dem Schluss kam, dass etwa 2–5 % der Hirnabszesse ihren Ursprung in Zahninfektionen oder Zahnerkrankungen haben [3]. Im Jahr 2022 wurde der Patient erneut ins Krankenhaus eingeliefert. Eine CT-Untersuchung zeigte eine Raumforderung in der linken parieto-okzipitalen Region. Die Befunde deuteten auf einen Hirnabszess hin, weshalb eine dringliche neurochirurgische Drainage durchgeführt und die Eiteransammlung mikrobiologisch untersucht wurde. Die mikroskopische Untersuchung der Probe zeigte grampositive, verzweigte Stäbchen. Es wurde vermutet, dass es sich um Actinomyces oder Nocardia handeln könnte. Obwohl der Hirnabszess zunächst mit intravenös verabreichtem Cefotaxim und Metronidazol behandelt wurde, führte das Ergebnis der Gramfärbung zu einer Umstellung auf intravenöses Imipenem/Cilastatin und Trimethoprim-Sulfamethoxazol. Nach drei Tagen hatte sich der Abszess in den linken Seitenventrikel ausgebreitet, sodass eine externe Ventrikeldrainage gelegt wurde, um Flüssigkeit aus dem Gehirn abzuleiten. Die Probe wurde sowohl unter aeroben als auch unter anaeroben Bedingungen auf Agarplatten kultiviert. Nach sechs Tagen Inkubation wurden Arachnia propionica und Capnocytophaga ochracea nachgewiesen. Daraufhin wurde die antibiotische Behandlung durch die zusätzliche intravenöse Gabe von Clindamycin und Metronidazol fortgeführt. Die Eiterprobe wurde außerdem zur 16S-Sequenzierung an eine andere Einrichtung geschickt. Dabei wurden drei weitere Bakterienarten identifiziert: Fusobacterium nucleatum, Campylobacter gracilis und Treponema medium. Eine Bestimmung der minimalen Hemmkonzentration (MIC) wurde durchgeführt. Die Inkubation erfolgte in einer Whitley A45 Arbeitsstation. Beispiele für die ermittelten MIC-Werte (mg/L) waren: Ampicillin 0,064, Cefotaxim 0,125, Meropenem 0,032 und Benzylpenicillin 0,032. MIC-Bestimmungen wurden außerdem unter einer Atmosphäre mit 5 % CO₂ durchgeführt. Beispiele für die dabei ermittelten MIC-Werte (mg/L) waren: Ampicillin 0,125, Cefotaxim 0,032, Ciprofloxacin 0,016 und Gentamicin 128. Weitere antibiotische Behandlungsversuche wurden unternommen. Der Patient sprach jedoch nicht mehr auf die Antibiotikatherapie an und wurde palliativmedizinisch versorgt. Vier Monate nach der Diagnose des Hirnabszesses verstarb er [2].
Diese Studie liefert neue Erkenntnisse über das Vorkommen von T. medium, Capnocytophaga sp. HMT-323 und Candidatus Saccharibacteria oral taxon 488 sowie neun weiteren Bakterien in einem Hirnabszess. Die Ursache der Infektion wurde mit dem Zahnstatus des Patienten in Verbindung gebracht [2]. Leider verlief die Infektion für diesen Patienten tödlich. Es wird jedoch angenommen, dass eine weiterführende Erforschung und ein besseres Verständnis dieser Organismen in Hirnabszessen zu erfolgreicheren Behandlungsergebnissen beitragen könnten. Letztlich unterstreicht diese Forschung die Bedeutung einer frühzeitigen klinischen Intervention.
Verfasst von DWS-Mikrobiologin Kirsty McTear
Referenzen:
- Ruiz-Barrera MA, Santamaría-Rodríguez AF, Zorro OF. Brain abscess: A narrative review. Neurology Perspectives. 2022 July;2(3):160–7.
- Westerström P, Bivand JM, Kommedal Ø, Ehrnström B, Andreassen JS, Afset JE. Odontogenic Brain Abscess in a Hereditary Haemorrhagic Telangiectasia (HHT) Patient: Case Report with a Comprehensive Literature Review. Tropical Medicine and Infectious Disease. 2026 Mar 2;11(3):67.
- Burgos-Larraín LF, Vázquez-Portela Á, Cobo-Vázquez CM, Sáez-Alcaide LM, Sánchez-Labrador L, Meniz-García C. Brain complications from odontogenic infections: A systematic review. Journal of Stomatology, Oral and Maxillofacial Surgery [Internet]. 2022 Nov 1 [cited 2026 July 15];123(6):e794–800. Available from: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2468785522002063
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